Werte-zusammen-Leben

Werte-zusammen-Leben

„Werte-zusammen-Leben“ ist ein Projekt, das sich mit der Problematik des Zusammenlebens – bezogen auf Einwanderung – auseinandersetzt.

Mit Aussagen und Schilderungen von Ein- und Auswanderern wird auf die derzeitige Lage nicht nur hierzulande aufmerksam gemacht. Asylsuchende, Einwanderer und umgesiedelte Menschen werden durch das „Medium Foto“ vorgestellt und sie erzählen andererseits in Interviews – dem „Medium Ton“ – von ihren Erlebnissen und Erfahrungen. Die Interviewpartner stammen aus Russland, Serbien, den Niederlanden, Griechenland, Deutschland und dem Iran. So gehen die Interviewten auf ihre Vergangenheit ein und erzählen über ihre Beweggründe des Weges in eine fremde Kultur. Ob der Weg positiv geprägt war oder gar negativ lässt sich in der Ausstellung nachvollziehen. Teil der Ausstellung sind Aufnahmen von Kindern, welche am Fuße des Ettersberges in der Nähe des Asylbewerberheims Weimar fotografiert wurden.

GISELA KURNATOWSKI

Diese sehr besondere, kleine Ausstellung zum Thema Werte-zusammen-Leben, die vom

1.-13.Dezember im Großen Sendesaal von Radio Lotte, Weimar täglich zu sehen war, besuchte ich dreimal. Es handelt sich um sechs Portraits von Ausgewanderten mit Interview, fotografiert und befragt von Leander Brandstädt sowie Aufnahmen von Kindern, draußen auf einem Schuppen und Spielplatz in der Nähe des Asylbewerberheims in Weimar am Fuße des Buchenwald-Ettersberges.

In der sich in diesen Tagen so ereignishaft zuspitzenden und radikalisierenden Debatte zum Thema Fremdenfeindlichkeit bot die Ausstellung einen Ort, wo man Menschen kennenlernen konnte, die sich der Fremde aussetzten um darinnen ihr Eigenes und den Mitmenschen zu finden, aus freiem Entschluss oder notgedrungen.

Zur Vernissage trifft man in der Ausstellung viele, vorwiegend junge Menschen, die im Sendesaal von Radio Lotte in Gruppen zusammen stehen, oder einzeln mit Kopfhörer vor den Portraits der Auswanderer deren elektronisch übermittelter Erzählung lauschen.

Sechs Sendeorte gibt es mit großen auf Aluminium gedruckten Fotographien, die nur indirekt beleuchtet sind, doch weithin in den Raum strahlen. Sie sind auf drei schwarzgrundigen Stellwänden, die versetzt im Raum stehen, beidseitig angeordnet. Man kann auf einem kleinen roten Sessel davor Platz nehmen und zum Portraitierten aufschauen während man über Kopfhörer ihre Geschichte hört. Oder man trifft Bekannte und während man im Gespräch ist, sieht man aus den Augenwinkeln eines der Bilder, ist also schon untergründig mit dem Bild/ der Person beschäftigt. Zwei Personen habe ich auf diese Art kennengelernt. Beiden gemeinsam ist, dass der Portraitierte einem nicht entgegen schaut, auf einem sind vom Menschen nur die Hände und die Uhr am Handgelenk deutlich am Rande eines Tisches erkennbar. Was ist da überhaupt gezeigt ? Von meinen Augenwinkelblicken war ich schließlich so irritiert, dass ich den Fotografen auf das Foto ansprechen musste. Offenbar ein übervoll gedeckter Tisch. Aber die Sushi und sirupbegossenen Cakes, Kaffeetassen ? Sojaschüsselchen ? können sich unmöglich auf einer einzigen Tischplatte befinden. Von Leander bekam ich folgende Auskunft: „wir haben uns 2x zum Interview getroffen, einmal in einer Sushi-Bar, einmal im Cafe. Er wollte nicht als Person auf dem Foto zu erkennen sein, so habe ich die beiden Tische unserer Zusammenkunft mit ihm am Rand fotografiert und transparent übereinander gedruckt.“ Ja, vier aneinander gedrängte Sushi schweben leicht verbeult in der Luft und eine kleine Frühlingsrolle hält auf sie zu. Keines der Objekte steht richtig fest. Übervoll, scheint die gesamte Tischfläche doch der Schwerkraft enthoben. Und von rechts her passt die wohl recht teure Uhr auf, wie viel Zeit vergeht…

Es handelt sich um einen nach Vancouver, Kanada ausgewanderten Holländer, Patrick, den Einzigen in der Runde mit viel Geld. Er will noch ein Haus in Südamerika kaufen und eines in Europa, vielleicht in Spanien. Auch von Kanada will er immer wieder aufbrechen können, aber Kanada ist gut, das sagt er jedem: „man kann überall hinfahren, es gibt noch Freiheit und viel Space“. Den genauen Gegensatz dazu bildet Jugoslav, ein Roma, der seine Heimat Serbien verlassen musste, als Asylbewerber über Eisenberg schließlich nach Weimar kam. Das weiß ich aber alles noch gar nicht, als ich von dort, wo die Kinderbilder hängen, immer wieder hinschauen muss zu dieser eigentümlichen Gestalt, die mit einem großen Gitter zu kämpfen scheint.

Was für ein Gitter ist das? – Es hat auch Vorteile als Kurzsichtige ohne Brille herum zu schauen:

die erblickten Dinge halten sich länger in der Schwebe , was ihre Bedeutung betrifft und gehen ungewöhnliche Verhältnisse ein. So blieb es für den Abend der Vernissage bei dem Mann, der in aussichtsloser Lage mit dem Gitter kämpft, dem Gitter zu unterliegen scheint, es nur mit der linken Hand gepackt kriegt während die rechte schon darüber schwebt. Dem Schwerpunkt nach schien mir der Mann zu sitzen, wenn ich auch nicht erkennen konnte, worauf. Erst bei einem weiteren Besuch der Ausstellung, wo ich aufgrund der stehengebliebenen Irritation mich mit voller Aufmerksamkeit dem Bild zuwandte, geschah, wie bei einem Vexierbild, der Umbletz in die andere Sichtweise und ich erkannte: der junge Mann steht im Schritt auf zwei Stufen im Treppenhaus und beugt seinen Kopf unter die Decke der nächst höher gehenden Treppe, wobei er links das Geländer von unten umfasst während er mit der Rechten eine seinem Gesichtsausdruck entsprechende Geste macht.

Ich bin erleichtert, fühle mich selbst wieder auf die Füße gestellt, allerdings spüre ich auch schmerzlich an mir selbst, was diesem Menschen buchstäblich im Nacken sitzt. Konkret ist es die Unterseite der Treppe, die über ihn hinaus führt. Ein Sinnbild für Auswanderer seiner Art, die unfreiwillig, aus wirklicher Not und Verfolgung ihr Land verlassen. „Serbia ist sicheres Land – für serbische Leut, aber ich nicht serbisch, ich bin Roma.“ Diesen Satz hat Leander für Jugoslav aus dem Interview neben das Bild gesetzt. Als Theatermacher, der ausdrücken und zeigen wollte, was er als wahr erlebt, nämlich, dass die Roma in Serbien nicht als gleichwertige Bürger und Menschen behandelt werden, erlebte er massiven Widerstand von serbischen Mitgliedern seiner Truppe, wurde zusammengeschlagen mit Androhung schlimmerer Gewalt für Frau und Kinder – wenn er nicht umgehend verschwinden würde. Nach einer nur wenig von seinen serbischen Erlebnissen sich abhebenden Zeit als Asylbewerber in Eisenberg, ist er nun endlich in Weimar gut angekommen. Er hat Freunde gefunden, ist mit Theaterspiel auf dem Kunstfest aufgetreten, engagiert sich bei der freiwilligen Feuerwehr, in der Kirche, in der Hausgemeinschaft und spielt Fussball.Seine Große ist hier zur Schule gekommen, der Kleine kann bei der Mutter sein – eine mit ihrer Lebenssituation zufriedene, integrierte Familie…leider hat die Behörde aber gerade mitgeteilt, dass Serbien ein demokratisches und sicheres Land ist, sie müssen in einem Monat zurück. Sein letzter Satz im Interview: „noch einen Monat und danach: alles ist in Gottes Hände“ zeigt, wie er bei aller äußeren Niederbeugung doch auch frei auf dem Dach der Welt spazieren geht, zu dem sich Patrick, der fliegende Holländer in Kanada, jederzeit via buy me a ticket for an aeroplane hochtragen lassen kann.

Zu diesen beiden extremen Auswandererschicksalen gibt es nun noch ein drittes Extrem, das ist Ilias, ein griechischer Musiker, der sich schon als Kind zum Auswandern entschlossen hat. Ohne alles Informelle, was hier im Artikel vorgeschoben wird, ist man in der Ausstellung allerdings konfrontiert mit einer Persönlichkeit, der man nicht ausweichen kann. Das sagt alleine das Bild aus, sofern man davor stehen bleibt. Es ist das vielschichtigste und zugleich eindeutigste Portrait der ganzen Ausstellung. Viele strukturelle Mittelpunkte gibt es: die brennende Spitze der Zigarre, der oberste Jackenknopf, der helle feine Hemdknopf, der sich drehende Schirm und sein Fluchtpunkt , die dunkle Höhlung in der Zigarre haltenden Hand: alle verstärken sie den konfrontierenden Blick der Augen. Der Mund, durch Zigarre, Finger und Hand verdeckt, kann den Blick nicht mildern, aber an der efeu- und graffitiüberwachsenen Steinwand im Hintergrund kann der Blick des Betrachters weiden, sofern er sich erholen will. Der Blick seines Gegenüber wird dabei weiter auf ihn gerichtet sein. Der letzte Satz von Ilias Interview lautet: „Darüber kann man diskutieren, was die Würde des Menschen ist.“ Anfangs erzählt er, wie er als Kind eines einfachen Straßenbauarbeiters, seiner Mutter, die, ganz Mutter und Hausfrau, kaum über ihren Wohnort hinausgekommen war, die Welt zeigen wollte: „wenn ich groß bin, bringe ich dich nach Venedig…“ Dann bestimmte er sich zum Musiker und „ da kannst du nicht zuhause bleiben, ich wollte überall dahin gehen, wo diese Klänge, diese Instrumente herkamen, nach Indien zur Sitarmusik z.B. Musik ist eine internationale Sprache…der Virus, weg zu gehen war von frühester Kindheit da. Mit zwanzig konnte mich dann keiner mehr halten.“ Die deutsche Sprache zu lernen und nicht nur die Sprache, die ganz andere Art der Gedankenbildung kennen zu lernen, wiederum seine griechische Art zu denken nicht nur wörtlich sondern auch gedanklich zu übersetzen, war ihm zunächst in Deutschland wichtigstes Anliegen. Von höchstem Wert ist für ihn „eine Situation mit Worten aufzuklären“

So also steht er vor einem, von Leander kongenial ins Bild gebracht, und ruft dazu auf, die Situation der Begegnung mit den Menschen in den Bildern der Ausstellung „mit Worten aufzuklären“, bzw. in eine Tiefe zu führen, die einem wirklich etwas abverlangt, wie jede echte Begegnung es tut. Zwischen dem, was das Bild mir über den Menschen erzählt und dem, was er über sich selbst sagt, entsteht ein zwischenraum, (kleingeschrieben. ich kann nicht auf ihn zeigen) wo ich etwas erfasse, erfahre, etwas weiß von diesem Menschen. Angekommen in diesem zwischenraum möchte ich den Erzähler der Portraits, Leander Brandstädt, fragen, wie es zu den Aufnahmen, also gerade diesen, für die Ausstellung ausgewählten, von Jugoslav und Ilias gekommen ist.

Mit Jugoslav hatte er sich öfter getroffen – ohne Kamera. Jetzt gab es nur noch eine Gelegenheit für das Fotoshooting – und es war schon Abend, also dunkel, also Blitzlicht. Die Versuche draußen vor dem Asylbewerberheim mißlangen einigermaßen. Blitztlicht fördert theatrale Gesten, alles erscheint maskenhaft, aufgesetzt, totgeblitzt. Ziemlich resigniert gingen sie ins Haus, eigentlich war das Treppenhaus nur der Durchgang zur Wohnung, wo es weitergehen sollte. Doch dort erfasste Leander die Möglichkeit, die Treppe und Geländer als anfassbares Motiv boten. Er machte den Vorschlag, den Kopf unter die Decke zu beugen und nicht in die Kamera zu schaun. Das wars! Völlig anders lief es bei Ilias, seinem ersten und vorher auch schon bekannten Interviewpartner. Sein Portrait hat er regelrecht entworfen, ausgehend von der Frage: was verkörpert ihn? Die Zigarre! Das Saccho! Die langen schwarzen Haare nach vorne gelegt.Auch die griechisch anmutende efeuüberwachsene Hauswand mit der hölzernen Jalousientür wurde in Weimar, Ilias jetzigem Wohnort gesichtet und zum Ort der Aufnahme bestimmt. Ein Schirm sollte hinter dem Kopf rotieren, auch das war vorgedacht und dann sogar ganz nüztlich, denn zur Zeit der Aufnahme regnete es.Es gibt Aufnahmen, wo der Rauch der Zigarre eine malerische Rolle spielt, aber zugunsten des klaren Blickes wurde die rauchfreie Variante ausgewählt. Ich werde aufmerksam gemacht, dass Vorder- Mittel- und Hintergrund in gleicher Schärfe fotografiert sind. Das verstärkt, verbreitert den Eindruck großer Gefestigtheit sowohl der Person, wie auch der Situation, in der sie steht, finde ich.

Ins Gästebuch der Ausstellung ( es handelt sich um die Präsentation einer Jahresarbeit, 12. Klasse WS Weimar ) schrieb jemand weiß auf schwarz: Ganz Großes Kino – ein neuer Hemingway! Vielleicht ist Hemingway nicht ganz die Kategorie, die ich wählen würde, aber ich möchte diesen Eintrag meinem fotolosen Portrait des Fotografen und Menschenbefragers Leander Brandstädt nicht vorenthalten. Eine wirklich spannende Sache, die nach Vancouver, Kanada ( eine Russin, eine Deutsche, ein Holländer ) und Weimar ( ein Perser, ein Grieche, ein Roma aus Serbien ) Ausgewanderten auf diese doppelte Weise vorzustellen und dem Erleben der Besucher nahe zu bringen !

Abschließend möchte ich mit Worten noch einen bildinnenraum aufklären, der zwischen mir und dem Jungen auf dem Dach des Schuppens spielt.Dieses Foto fungierte als Poster und Einladung zur Ausstellung werte.zusammen..leben… Zwei Grundwerte gibt es, zwei Stammbäume unserer vielfältig verzweigten Bedürfnisse: das Bedürfnis nach Verbundensein und Zugehörigkeit zum einen, zum andern das Bedürfnis nach Selbstbestimmung und Autonomie. Es scheinen sich bedingende Gegensätze zu sein. Fassen wir sie noch größer als Ur-Sehnsüchte, Ur-Antrieb zum Handeln, nennen wir sie Liebe und Freiheit.

Dieser Junge ist auf das Dach des Schuppens geklettert, wo er am Nachmittag mit vielen andern Kindern gespielt hat. Es gibt Fotos von lachenden, in den Balken des Schuppens turnenden Mädchen, von schreienden, sicher keine deutschen Worte ausrufenden Jungens, die mit strahlenden Augen herausfordernd vor ihrem Fotografen stehen. Es sind die Kinder der Asylbewerber. Sie sind untergebracht am Fuße des Ettersbergs, eben jener Erhebung, auf der das Konzentrationslager Buchenwald heute als Gedenkstätte zu besuchen ist. Es war unter der Naziherrschaft ein Arbeits- und Internierungslager um den europäischen Widerstand zu brechen. Auch viele Roma und Sinti waren dort interniert.Die Arbeits – und Lebensbedingungen waren so unsäglich, dass nur wenige überlebt haben. Einer der bekanntesten Überlebenden war der blinde Schriftsteller Jacques Lusseyran, der über seine Zeit dort ein Buch verfasste mit dem Titel:

Das Leben beginnt heute.

Heute also ist dieser Junge am Ende des Tags auf das Dach geklettert. Auf der Erde erscheint schon alles schwarz: die Bäume, das Schuppendach, die kindliche Gestalt darauf. Das Schwarze wird vom Licht zur Erscheinung gebracht. Das Licht begegnet dem Licht aus den Augen des Kindes. Sie leuchten ihm entgegen. Sie erleuchten die sich verfinsternde Welt.

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